Vom Bruder Schwermut, Delfinen und anderen Begegnungen auf dem Ozean

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Nachdem gestern morgen endlich genug Wind aufzog, konnten wir schließlich den Motor ausschalten und damit war eigentlich alles angerichtet – fertig zum Genießen. Den Nachmittag über war es auch so: die Wellen, das Meer, der Wind und die Sonne, alles spielte uns in die Karten. Allerdings hatte ich mich den ganzen Tag über schon sehr müde gefühlt, ständig war ich kurz davor, gleich ein zu schlafen.

Während meiner Tagwache hatte ich Probleme, mich wach zu halten, obwohl ich die Nacht davor immerhin sieben Stunden Schlaf bekommen hatte. Zunächst machte ich mir darüber keine Gedanken, ich bin es gewohnt, dass die Seeluft und wahrscheinlich auch meine Aufregung mich müde machen, so war es bislang immer auf Segelbooten.

Gegen Abend aber beging jedoch ich einen folgenschweren Fehler. Ich stellte mir die Frage, die man auf jeden Fall um tunlichst vermeiden sollte, soweit draußen auf dem Ozean: Wie komme ich hier wieder weg? Die Antwort darauf lautet nämlich: Gar nicht. Ich hatte Probleme, damit klar zu kommen und musste mich echt konzentrieren, um diese undefinierbare Angst loszuwerden.

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Letztendlich hing ich mich einmal über die Reling und ging dann schlafen. Man segelt nun einmal nicht mal eben so über den Atlantik, das wusste ich vorher und ich hatte mir dieses Abenteuer ausgesucht, eben weil ich wusste, dass es auch eine Art Prüfung darstellen würde.

180-Grad-Panorama: Weit und breit keine Menschenseele
180-Grad-Panorama: Weit und breit keine Menschenseele

Randy bemerkte wahrscheinlich, dass ich den Schlaf brauchte und ließ mich schlafen, bis ich heute morgen wach wurde. Die Kraft der Sonne war noch stärker geworden, das Meer strahlte in tiefem Blau und der Wind schien auch meine Ängste fort geblasen zu haben. Randy ging erstmal schlafen, das hatte er sich verdient, nach der langen Nachtschicht, während meines Tiefschlafs hatten wir auf unserem Kurs gen Südwesten fast 75 Seemeilen zurückgelegt.

Ich dagegen war topfit und machte mich erst einmal daran, ein ordentliches Frühstück vor zu bereiten: Bratkartoffeln mit Eiern und spanischer Chorizowurst, das gibt Power für den Tag. Und dieser Tag hatte allerlei zu bieten. Die Bratkartoffeln waren gerade fertig, da kamen genau die Begleiter, die ich gerade begann, zu vermissen: Delfine. Endlich!

Eine ganze Schule von ungefähr zehn Tieren surfte für eine Viertelstunde auf unserer Bugwelle und ich fühlte mich wie immer, wenn ich sie sehe, nämlich wie ein kleines, aufgeregtes Kind. Ich rannte zum Bug, fiel fast über meine eigenen Beine und versuchte, sie zu fotografieren, was sowieso nicht einfach ist, und die Aufgeregtheit macht es ganz bestimmt nicht leichter. Trotzdem ist mir der ein oder andere Schuss gelungen.

Bruder Leichtfuss fühlt sich bei diesem Anblick wie ein kleiner Junge
Bruder Leichtfuss fühlt sich bei diesem Anblick wie ein kleiner Junge

Kaum waren die Kartoffeln gegessen, der Abwasch erledigt und die Delfine vergessen, machten wir auf unserem Kontrolldisplay ein Boot aus, welches uns schon kurz nach dem Verlassen der Straße von Gibraltar aufgefallen war: die Segelyacht „Tristan“. Sie schien ebenfalls Kurs auf die Kanaren zu nehmen, denn diesmal war sie nur etwa zehn Meilen entfernt.

Randy kam auf die Idee, dass wir uns die doch mal aus der Nähe anschauen könnten. Also änderten wir unseren Kurs auf Kollisionskurs zur „Tristan“. Knappe zwei Stunden später war es dann soweit, am Horizont erschien zunächst nur im Fernglas, dann auch mit bloßem Auge ein großes, weißes Segelboot. Wir sagten kurz per Funk Bescheid, dass wir keinesfalls vorhatten, es zu rammen, sondern nur einen Blick riskieren wollten und so segelten wir eine Zeit lang nebeneinander her. Kurz war das andere Boot nur etwa 150 Meter von uns entfernt, wir konnten uns gegenseitig zuwinken.

Begegnung auf dem Ozean: Die Segelyacht "Tristan"
Begegnung auf dem Ozean: Die Segelyacht „Tristan“

Irgendwie verrückt, so weit draußen, mitten im Nirgendwo des Ozeans, Menschen zu begegnen. Die „Tristan“ war eine Millionenyacht, wie sie im Buche steht, strahlend weiß und länger als 30 Meter. Jedoch hatte die Besatzung, reich und wahrscheinlich auch schön, keine Ahnung vom Segeln.

Statt in Richtung Kanarische Inseln zu kreuzen und so  wie wir einen traumhaften Segeltörn mit acht Knoten zu haben, kamen sie keinen Zentimeter vom Kurs ab, verzichteten auf Segel und nahmen einfach den Motor zu Hilfe. Ein teures Vergnügen, wie Randy mir vorrechnete: Ein Boot von dieser Größe müsste auf dem Weg von Gibraltar zu den Kanarischen Inseln Diesel im Wert von mindestens 2000 Euro verbrennen. Was für eine Verschwendung, und das bei diesen perfekten Segelbedingungen!

Wir haben jetzt etwa 300 Seemeilen hinter uns, Land habe ich das letzte Mal vor zwei Tagen gesehen und bislang erlebe ich genau das Abenteuer meines Lebens, was ich mir erhofft hatte. In weiteren drei Tagen dürften wir die nördlichste Insel der Kanaren erreichen, La Graciosa. Ich freue mich auf auf den Rest des Törns und bin mehr als gespannt darauf, welche Prüfungen und welche Überraschungen der Ozean noch für mich bereit hält. Und wie viel Schönheit der Natur in welcher Form der Atlantik mich noch erleben lässt.

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1 KOMMENTAR

  1. Hey Bruder Leichtfuß, ihr seid ja schnell unterwegs!

    Wie es derzeit aussieht, werdet ihr auch in den nächsten Tagen einen guten Wind haben und gut voran kommen…

    La Graciosa wird dir bestimmt gefallen. Seid ihr eigentlich nur zu zweit auf dem Boot?

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