Segeln in der Karibik: Der Korrespondent zur See

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Segeln in der Karibik - der Korrespondent zur See

Ihr wisst es: Es gibt wenige, die ich mehr bewundere und gleichzeitig beneide als Segler auf den Weltmeeren. Weil ich tierisch viel Spaß daran habe, mich mit ihnen zu unterhalten und mich inspirieren zu lassen, gibt es diese kleine Interviewserie auf bruderleichtfuss.com. Nachdem ich in der letzten Folge mit den LosLocos mit einer ganzen Familie auf Weltumseglung gequatscht habe, habe ich diesmal einen echten Einhandsegler bei mir:

Hinnerk Weiler von der „Paulinchen“

Das Einhandsegeln für sich wäre schon Grund genug für mich, zu ihm hinauf zu schauen. Aber Hinnerk lebt auch noch haargenau das Leben, an dem ich gerade arbeite: Er verdient sein Geld unterwegs, an Bord seines kleinen Schiffchens – als Korrespondent zur See. Seine Artikel über das Segeln und über seine Reisen erscheinen zum Beispiel im segeln-Magazin.

Mehr zum Thema:

DHier findest du → alle meine Beiträge über’s Segeln.

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Und hier findest du mehr → Abenteuerer-Interviews.

Hinnerk ist in Hamburg gestartet und ist nach seiner Atlantiküberquerung erstmal nordwärts gesegelt und hat die Ostküste der Vereinigten Staaten und den Missisipi (Huckleberry Finn!!!) erkundet. In den nächsten Monaten zieht es ihn Richtung Süden, ziemlich weit sogar. Nächstes größeres Ziel ist dann eines meiner absoluten Traumziele schlechthin – aber das erzählt Hinnerk aber am besten selber:

Segeln auf der Paulinchen
Blick nach achtern auf der „Paulinchen“

Womit verdienst du eigentlich deine Brötchen oder anders gefragt: Wie bezahlst du den ganzen Quatsch?

Hinnerk:
Ich bin nicht „Ausgestiegen“, das macht die Sache ein bisschen komplizierter. Wenn es nicht viel Erspartes oder eine große Erbschaft zu verprassen gibt, muss man seine Reise unterwegs finanzieren. Darum habe ich meinen Beruf mit an Bord genommen. Aber das hat auch sein Gutes, wenn man sagt: Ich muss jetzt ins Büro und dann mit dem Notebook vom Hafen Richtung Strand spaziert.
Vor meiner Reise hatte ich fest für die Zeitschrift „segeln“ als Redakteur gearbeitet . Der Umstieg zum reisenden Segelautor war für mich daher recht naheliegend und ich musste zumindest kein neues Handwerk lernen.

Ich habe eine Menge Leute getroffen, die ihre Jobs mit an Bord genommen haben: vom Architekten bis zum Zahnarzt.

Alles, was man per Internet machen kann, oder in zeitlich klar definierten Projekten erledigt wird, kann man eigentlich prima auch von Bord aus machen.

Hauptsächlich schreibe ich auch heute noch für das Magazin segeln, allerdings weniger von der Reise direkt. Meine Themen dort sind vor allem Seemannschaft, Erfahrungen aus dem Bordleben und die ganze Praxis rund um das Reisen auf einem Boot. Daneben gibt es immer mehr kleine Projekte, die sich langsam zu einem großen Ganzen entwickeln: Kurzgeschichten über meine Reise (pocketstory.com), Artikel mit Reiseberichten für Zeitungen und andere Zeitschriften, Vorträge in Clubs und auf Messen, wenn ich nach Deutschland komme…

Im Moment werden Ideen zu einem Roman immer konkreter. Das alles klappt auch, dank der Hilfe von Lesern meines Blogs und den Hörern meines Podcasts. Das sind zwar meistens kleine Beträge, aber es ist mit unter die schönste Art der Honorierung: Flattr beispielsweise scheint unter den Hörern des Segelradios sehr beliebt. Das Feedback ist viel direkter, als bei Zeitschriften, weil  jedes Mal, wenn der Zähler hoch geht, denke ich: „Cool, da gefällt jemandem, was wir da machen“.

Am Ende reicht alles zusammen dann meist gerade, um über den Monat und zum nächsten Horizont zu kommen.

Auf dem Weg zum nächsten Horizont
Auf dem Weg zum nächsten Horizont (Foto: Hinnerk Weiler)

Bist du eigentlich generell allein unterwegs oder kann man bei dir auch mitsegeln? Wie würde dein idealer Mitsegler aussehen?

Bis Anfang Oktober war ich tatsächlich allein unterwegs. Vielleicht sogar ein bisschen zu allein. Das habe ich im Norden der USA und auf der Flussetappe über den Mississippi Richtung Südstaaten sogar etwas bereut und war eine Weile ziemlich depressiv geworden.

Aber ich bin schon immer gern allein gesegelt. Vor allem auf langen Off-Shore-Etappen. Da ist dann zwar niemand an Bord der hilft, aber auch niemand, mit dem man sich abstimmen muss. Nach fast vier Jahren riskiert man wohl aber irgendwann doch, zum verschrobenen Einsiedler zu werden. Ich würde in Zukunft mehr darauf achten, neben meinen Einhandetappen auch immer mal wieder jemanden mit an Bord zu nehmen.

So ein potentieller Mitsegler müsste vor allem mit wenig Platz und Privatsphäre klarkommen.

Paulinchen ist recht spartanisch. Bis nächstes Frühjahr ist aber ohnehin keine Koje frei: Seit Florida ist meine Freundin mit an Bord und für drei ist Paulinchen klar zu klein.

Kommen bei deinem Leben Freundschaften und Familie nicht zu kurz? Vermisst du das?

Ich war leider nie gut im Kontakt halten. Das war schon immer so. Ich denke viel an Familie und Freunde, aber Postkartenschreiben ist mir ein Graus und wenn ich drei Leute anrufe, um ihnen das gleiche zu erzählen komme ich mir doof vor. Freundschaften und Familie leiden darunter sicher. Unterwegs merkt man das gar nicht so sehr, weil man beim Reisen ständig neue Leute für kurze Bekanntschaften trifft. Oft segelt mal sogar eine Weile zusammen zu den gleichen Orten und dann geht an irgendeinem Punkt jeder seinen eigenen Weg. Vielleicht versaut einen dieser stete Wechsel und der ständige Nachschub an neuen Leuten auch ein bisschen für anhaltende Freundschaften.

Aber die guten und langen Freundschaften zuhause halten das aus. Man knüpft mehr oder weniger dort an, wo man vorher war, wenn man sich wieder sieht. Das wird schwieriger und man muss sich Zeit nehmen, weil die Lebenswege zwischendurch ganz andere Bahnen genommen haben. Da fehlt dann ein Stück gemeinsamer Geschichte. Ich kann natürlich nicht erwarten, dass zuhause die Welt so stehen bleibt, wie ich sie hinterlassen habe. Aber heute gibt es mit E-Mail, Skype, Facebook und nicht zuletzt dank Billigfliegern rund um den Globus auch einige Möglichkeiten, zumindest nicht ganz den Anschluss zu verlieren.

Ankerplatz an der Ostküste Amerikas
Ankerplatz an der Ostküste Amerikas (Foto: Hinnerk Weiler)

Pfeifst du bei dir an Bord? Bist du abergläubisch?

Man sagt ja, dass Pfeifen soll den Wind anlocken. Wenn die Wettervorhersage ohnehin schon viel Wind ankündigt, pfeife ich darum besonders unbeschwert. – Er kommt ja eh. Ich bin mir aber sicher, dass irgendwann ein findiger Wissenschaftler per Chaostheorie schlüssig beweisen wird, dass mein Pfeifen vor der Küste Floridas den ersten Hurrikan der Saison ausgelöst hat. Aberglaube mag ich das dann aber nicht nennen.

Warst du an Bord schon mal in einer Situation, in der du es mit der Angst zu tun bekommen hast?

Das kommt hin und wieder vor. Gewitter machen mir jedes Mal Angst. Das klingt an Land vielleicht ein bisschen lächerlich. Dort würde man aber auf einer zehntausend Quadratmeter großen flachen Wiese auch keinen 13 Meter langen Blitzableiter in die Luft halten. Meistens ist es allerdings „nur“ die Angst, das dem Boot etwas passiert. Angst um mein Leben hatte ich bisher nur einmal, als in den USA Tornadosirenen los heulten, während ich irgendwo in einem Fluss vor Anker lag und am Himmel kreisende Wolken gesehen habe.

Machen Hinnerk Angst: Gewitter
Machen Hinnerk Angst: Gewitter (Foto: Hinnerk Weiler)

Dein Geschäftsmodell ist ein ähnliches wie meines. Hast du Tipps für einen Anfänger?

Man braucht immer mal wieder einen sehr langen Atem. Vor allem am Anfang. Das ist umso wichtiger, wenn es ums Schreiben für Medien geht. Denn leider muss man eben erst einmal eine Weile reisen, seinen Stil finden, einen Fundus an Fotos, Videos und Geschichten aufbauen.

Außerdem unterschätzt man leicht die „doppelte“ Arbeit die Reisen und Broterwerb an Bord bedeutet. Man muss sich klare Zeiten für beides reservieren. Mir sagte mal ein anderer Einhandsegler: „Ich könnte nicht nebenbei arbeiten. Woher nimmst du die Zeit dafür?“ Tatsächlich habe ich darüber eine Weile nachgedacht. Bei vielen Arten zu Reisen ist immer Zeit, um im Flieger, Zug, oder auch bei Starbucks, um eine Weile zu arbeiten.

Auf dem Boot bin ich Kapitän, Bootsmann, Smutje, Putzkraft, Segelmacher, Entertainer und muss an Land erleben, worüber ich schreiben möchte. Sich dann noch einige Stunden am Tag für den Blogpflege, Artikel, Kundenkontakt, Themensuche, Recherche und alles andere bis zur Steuererklärung zu nehmen, ist manchmal nicht ganz einfach. Das fordert Disziplin und damit hab ich zugegeben meine Probleme. Vor allem, wenn hinter dem Bildschirm Palmen vor einem idealen Surfstrand stehen. Aber zumindest hat man dann eine selbst geerntete Kokosnuss neben sich.

Welches ist deine liebste Seglerweisheit?

Erfahrene Segler haben immer Wind aus der Richtung, die sie zum nächsten Ziel brauchen. Das passt auf zwei Arten: Entweder man sucht sich sein Ziel passend zum Wind oder wartet einfach, bis der Wind zum Ziel passt.

Segeln am Wind: Die Segelyacht Paulinchen
Segeln am Wind: Die Segelyacht Paulinchen (Foto: Hinnerk Weiler)

Gibt es ein Traumziel, das du dir irgendwann mal erfüllen willst?

Nein, es gibt eine endlose Liste dieser Ziele und ich bin ununterbrochen dabei, Neue zu finden: Das ist das schlimmste am Reisen: Man trifft immer wieder auf Leute, die einem davon erzählen, wo sie waren. Die Marquises beispielsweise sind so ein Ziel. Davon habe ich von den Los Locos erfahren und Davids Bilder haben mich sofort überzeugt. Mich reizen generell vor allem dünn besiedelte Reviere. Zum nächste Traum dieser Art bin ich auch gerade unterwegs. Nach der Karibik geht es mit Paulinchen Richtung Patagonien. Davor allerdings muss ich noch einiges am Boot erledigen, um das Boot für diesen Teil der Welt fit zu haben.

Gibt es etwas, was du den Bruder-Leichtfuß-Lesern mit auf den Weg geben möchtest?

Man muss viel Zeit für die Leute in einem fremden Land mitbringen. Vor allem, um sich selbst an sie zu gewöhnen. Je mehr das gelingt, desto besser. Vor allem die eigenen Ansprüche aus europäisch westlicher Kultur sind oft im Weg.

Aber fremde Kulturen lernt man nicht im Schnelldurchgang kennen.

Man kratz an ihren Oberflächen und landet dann doch schnell wieder an den Plätzen, die mehr von der eigenen Kultur, als der Landeseigenen bieten. Ich nehme mir diese Zeit, indem weite Sprünge mache und dann für mindestens ein oder zwei Wochen an einem  Ort bleibe. Dadurch verpasse ich einige „Must see“ im Reiseführer, habe aber meine eigenen tiefen Einblicke gewonnen.

Vielen Dank für dieses Interview, Hinnerk! Viel Glück und Spaß auf deinem Weg nach Patagonien!

Bahamas: Fotosession am Strand
Hinnerk bei der Arbeit am Strand (Foto: Hinnerk Weiler)

Links zu Hinnerk:

  • Segelradio: Hinnerk betreibt das Segelradio, einen Potcast über alles, was mit Segeln zu tun hat. Tolle Interviews, zum Beispiel mit den Los Locos aus meinem letzten Interview.

Hier geht es zu den anderen Segler-Interviews:

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