Per Anhalter von Berlin nach Köln

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Per Anhalter von Berlin nach Köln

Markus und ich brüllen uns permanent an, obwohl wir direkt nebeneinander sitzen. Er auf dem Fahrersitz des grauen Passat Kombis, ich neben ihm auf dem Beifahrersitz. Wir sind unterwegs auf der Autobahn 2 von Berlin aus Richtung Westen. Die Klimaanlage funktioniert schon lange nicht mehr in dem über zehn Jahre alten Auto, und es ist heiß draußen. Ende Juli, über dem Asphalt ist es auf jeden Fall deutlich heißer als dreißig Grad. Bei herunter gekurbelten Fenstern und knapp 140 Studenkilometern ist es nicht leicht, sich zu unterhalten, doch wir versuchen es trotzdem.

Per Anhalter von Berlin Richtung Hannover

Markus und ich haben uns erst vor einer halben Stunde kennen gelernt. Wir sind uns an der Raststätte Grunewald an der A 115 in Berlin begegnet, wo ich auf der Suche nach einer Mitfahrgelegenheit als Anhalter von Berlin nach Köln war. Lange habe ich nicht gebraucht, bis ich Markus gefunden hatte, der auf dem Weg nach Frankfurt war. Vielleicht zehn Minuten habe ich dort jeden angequatscht, der mir auf dem ersten Blick halbwegs sympathisch erschien. Das scheint hier nichts besonderes zu sein: Das Hitchwiki (meine Hauptanlaufstelle im Internet, wenn es ums Trampen geht) nennt die Raststätte Grunewald den „Tramperstrich“ und sagt

[pull_quote_center]Macht euch, inbesondere im Sommer, darauf gefasst, dass hier ein Personenkreis von bis zu 5-10 Personen pro Stunde umgeschlagen wird/werden kann![/pull_quote_center]

Das kann ich jetzt bestätigen.

Also düse ich jetzt mit Markus, 40, freischaffender Bildhauer und Pendler zwischen Berlin und Frankfurt am Main Richtung Magdeburg. Freier Künstler und freier Schreiberling – das passt. Wir haben also viel zu quatschen und verstehen uns gut – trotz der ungedämpften Geräuschkulisse der Autobahn.

Markus nimmt sogar einen kleinen Umweg für mich in Kauf und fährt anders, als sein Navi es ihm vorschlägt: Statt der Route über Erfurt nach Frankfurt nehmen wir die Strecke über Hannover. Vor einigen Jahren hätte mich so viel Freundlichkeit noch überrascht – nach vielen Touren per Anhalter in den letzten Jahren bin ich es aber mittlerweile fast gewöhnt, dass Fahrer, die Tramper mitnehmen, in aller Regel einfach gerne hilfsbereit sind.

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Insgesamt sitze ich eineinhalb Stunden bei dem Bildhauer im Auto. Unsere gebrüllten Gespräche drehen sich um Vor- und Nachteile der Freiberuflichkeit (Vorteile überwiegen!), ums Trampen und ums Reisen allgemein. Markus erzählt mir vom Leben in Berlin in den 90er Jahren und von seinen eigenen Abenteuern als Tramper. Hätte ich kein festes Ziel im Kopf, wäre ich auf jeden Fall in Frankfurt gelandet  – ich will allerdings unbedingt heute noch bei meiner Schwester im Bergischen Land ankommen.

Per Anhalter von Hannover Richtung Ruhrpott

So müssen wir uns verabschieden. Ich wähle die Raststätte Lappwald als meinen nächsten Trampspot aus – sie liegt am ehemaligen innerdeutschen Grenzübergang bei Helmstedt kurz vor Hannover, hat eine Tankstelle und ein Restaurant. Perfekte Voraussetzungen, schnell meinen nächsten Lift zu finden, überlege ich mir. Doch es soll anders kommen:

Insgesamt verbringe ich fast drei Stunden auf dem Rastplatz. Zunächst verbringe ich einige Zeit an der Tankstelle, frage einige Dutzend Autofahrer und bekomme die klassischen Ausreden zu hören: „Ich fahre die nächste Abfahrt ab“ oder „Das ist ein Firmenwagen, ich darf niemanden mitnehmen“. Ich denke mir meinen Teil, bleibe aber guter Dinge und wechsle irgendwann den Spot – ab zum Restaurant, zwei bis dreihundert Meter weiter.

Hey! Ich bin eine Überschrift, bitte ändere mich

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Auch dort läuft es lange Zeit nicht gut, bis ich irgendwann auf ein osteuropäisches Pärchen stoße. Susanna aus Russland und Edgar aus Litauen finden es irgendwie witzig, von mir angequatscht zu werden. Susanna fragt mich in sehr gebrochenem Deutsch, ob ich Waffen oder Drogen dabei habe, oder ob ich plane, sie auszurauben. Ich kann alles – wahrheitsgemäß – verneinen und darf deshalb auf der Rückbank ihres blauen Opels Platz nehmen!

Auf der A2 geht es weiter, die beiden möchten nach Hamm – das wird mich meinem Ziel ein ganzes Stück näher bringen! In diesem Auto funktioniert jetzt zwar die Klimaanlage, und doch waren die Gespräche in meinem letzten Auto mit Markus besser: Susannas und Edgars Deutsch reicht gerade aus, um ihnen zu erklären, wo ich hin möchte und statt Englisch sprechen sie Russisch. Trotzdem werde ich gut unterhalten: Während der gesamten Fahrt plärrt russische (?) Schlagermusik aus den Lautsprechern, was mich irgendwie ziemlich amüsiert.

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Per Anhalter von Berlin nach Köln:

550 Kilometer in neun Stunden
A115, A2, A1

Drei Trampspots
Raststätte Grunewald, Raststätte Lappwald, Raststätte Rhynern

Sechs neue Bekannte aus fünf Ländern
Markus und Peter aus Deutschland, Susanna aus Russland, Edgar aus Litauen, Didier aus Brasilien und eine leider namenlose Bulgarin


Am Kamener Kreuz wechseln wir auf die A1 – jetzt bin ich schon mal an meiner Zielautobahn angelangt, sehr gut! Am Rasthof Rhynern bei Hamm bitte ich die beiden, mich nach jetzt 440 getrampten Kilometern aussteigen zu lassen. Nun stehe ich allerdings vor einem kleinen Problem: Es wird langsam dunkel draußen, was meiner Erfahrung nach die Chancen, mitgenommen zu werden, gegen Null tendieren lässt. Ich beginne, mich mit dem Gedanken anzufreunden, hier in Rhynern zu übernachten und am nächsten Morgen weiter zu trampen. Trotzdem bewege ich mich zum Tankstelleneingang, ein bisschen will ich es noch versuchen.

Dort treffe ich dann Didier, der wie ich per Anhalter unterwegs ist. Schnell kommen wir ins Gespräch: Der Brasilianer ist heute Morgen in Polen aufgebrochen und möchte nach Frankreich trampen, wo er gerade ein Auslandssemester verbringt. Auch Didier schätzt die Chancen, noch mitgenommen zu werden, nicht gerade hoch ein, und so beschließen wir, es uns heute Nacht irgendwo auf dem Raststättengelände gemütlich zu machen. Schlafsäcke haben wir beide dabei, doch zunächst brauchen wir dafür: Bier!

Menschen kennen lernen beim Trampen

Wir sprechen über die Fussball-Weltmeisterschaft, über den Karneval in Brasilien und über Gott und die Welt. Als schon die zweite Dose Bier vor uns steht, gesellt sich eine Bulgarin zu uns. Sie ist mit dem Auto in RIchtung Amsterdam unterwegs und will hier noch eine letzte, ausgiebige Pause einlegen und freut sich über unsere Gesellschaft.

Gestrandet auf der Raststätte Rhynern an der A1?

Kurze Zeit später erhält unsere lustige Runde schon wieder Zuwachs: Peter ist mit einem Transporter von Berlin nach Köln unterwegs, er zieht um. Auch er ist schon müde und freut sich über diese Zufallsbekanntschaften von der Autobahn.  Didier und ich sind mittlerweile beim dritten Bier angekommen, als plötzlich alles ganz schnell geht: Didier beschließt, auf dem Weg nach Frankreich noch einen Zwischenstopp in Amsterdam einzulegen – die Bulgarin, deren Namen ich leider vergessen habe, ist überglücklich, den Rest der Strecke nicht alleine fahren zu müssen.

Und ich? Auch ich habe Glück: Jetzt lässt sich auch Peter nicht mehr lange bitten und lädt mich ein, bei ihm einzusteigen. Gemeinsam räumen wir dem Beifahrersitz frei und fahren gemütlich Richtung Köln.

An der Abfahrt Burscheid steige ich aus: Meine Schwester wohnt nur wenige Kilometer von hier und kann mich abholen – so erreiche ich nach neun Stunden doch noch mein Ziel.

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5 KOMMENTARE

  1. Schön geschrieben, tolle Erfahrung – nun wird es aber Zeit das ich mal in die Tasten haue um von meinen Erfahrungen in Südamerika zu berichten. Danach willst du bestimmt auch durch Patagonien trampen 😉

  2. Das Russenvideo ist witzig! Russen sind einfach cool – vor allem, dass sie sagen was sie denken. Ist das nicht lässig, dass Susanna dich nach Waffen und Drogen gefragt hat?
    Im Juni war ich an Peking am Flughafen und da hat uns auch ein Russe angesprochen. Wir haben ihm auf englisch geantwortet. Er war dann ganz verwundert, dass wir keine Russen sind und hat irgendwas von „centro“ gefragt. Wir haben’s ihm auf englisch beantwortet und gezeigt. Leider hat er’s irgendwie trotzdem nicht verstanden. Aufgrund seiner Ratlosigkeit kam er dann einfach zu mir, gab mir seine Hand und sagte: „Sergej“. Mich hat das beeindruckt, weil die meisten Leute ja eher verhalten weggehen wenn sie sich nicht verstehen.
    Sergej und ich haben uns dann beide gefreut und er ist weiter gezogen um weitere Russen zu finden.

    Kilian

  3. Wieder ein echt cooler Artikel. Vorallem die Videos sind klasse. Es ist spannend mal hinter die Kulissen zu schauen. In Deutschland bin ich auch noch nie getrampt. Wird zusammen mit Pony vermutlich auch schwierig 😀 (Ich hab aus Spaß schonmal auf einer Wanderung mit Pony an der Straße den Daumen rausgehalten… hätte fast nen Auffahrunfall gegeben 😉 )

  4. Per Anhalter ist doch immernoch die beste Möglichkeit. In Deutschland habe ich es mich allerdings noch nicht so getraut. In Neuseeland und Island bin ich fast nur so gereist. Und 1x musste ich, weil ich meinen Bus verpasst habe das ganze auch in Deutschland tun. Ich fands schwer im Gegensatz zu den beiden anderen Ländern, da ne Freundin und ich wirklich sehr lange stehen mussten bis uns irgendjemand mitnahm. (und das als Mädels)

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