Seeunfälle und Glücksmomente auf dem Weg zu den Kapverdischen Inseln (4)

Ich sitze gerade bei einer Tasse Tee unter Deck, als ich meinen Kapitän rufen höre: „Alle Mann an Deck!“. Obwohl die „Libertalia“ bereits hundert Seemeilen südlich der Kanarischen Inseln Richtung Äquator segelt, ist es ganz schön kühl auf dem Atlantik.

Der Seewind weht kräftig, fast stürmisch aus Norden, immer wieder spritzt Gischt an Deck, die Crew trägt dicke Pullis und wasserfeste Kleidung und eine wärmende Tasse Tee zwischendurch tut manchmal Not. Meine Tasse muss jetzt jedoch warten, ich stürme, wie die anderen Crewmitglieder Kyle und Cecilia, an Deck. Erschrocken stellen wir fest, dass der Mastbaum des Besansegels unter der Kraft des Windes gebrochen ist.

Kein erfreulicher Moment, aber ich war mir schon vor Beginn meines Weges per Anhalter über den Atlantik klar darüber, dass ich nicht nur in Hängematten liegen werde, um mich zu bräunen. Und natürlich gibt es auch immer wieder Minuten und Stunden, in der die Crew des Segelboots „Libertalia“ einfach nur das Leben genießt.

Auf See sind es die Kleinigkeiten, die uns erfreuen: Ein einfacher Blick in Richtung Horizont fesselt mich manchmal stundenlang, der Amerikaner Kyle übt sich in Hochseenavigation und feiert jeden Breitengrad, den wir überqueren. Währenddessen genießt Käpt’n Phil vor allem die Momente, in denen seine geliebte „Libertalia“ mit vollem Wind in ihren Segeln regelmäßig durch die Wellenberge gen Süden stampft.

Im Moment jedoch ist davon nichts zu spüren. Wir sind alle geschockt. Vor allem die junge Norwegerin Cecilie ist ziemlich bleich im Gesicht. Doch jetzt gilt es, den Schaden abzuschätzen und zu retten, was zu retten ist. Kyle entdeckt, dass auch unser Genuasegel etwas abbekommen hat, der plötzliche Schlag hat das Kugellager des Rollreffs zerschmettert.

Wir kämpfen mit den Segeln, versuchen, sie erstmal zu bergen. Gar nicht so leicht, die ganzen Leinen, die vom Wind hin und her geschlagen werden, zu entwirren und zu entknoten. Vor allem, weil es schon eine kleine Herausforderung ist, selber nicht hin zu fallen und zu Schaden zu kommen: Die Wellen sind hoch im Moment, vielleicht vier Meter, und die Libertalia „geigt“ ganz ordentlich, wie der Seemann es nennt, wenn ein Boot im Seegang hin und her schaukelt.

Bruder Leichtfuss beim Brot backen
Bruder Leichtfuss beim Brot backen

Unter Deck haben wir uns an das Schaukeln eigentlich ziemlich schnell gewöhnt, nur gelegentlich stößt sich noch jemand den Kopf oder stolpert ein wenig. Nur das Kochen ist nach wie vor ein Problem: Immer wieder läuft etwas über, wenn mal wieder eine besonders hohe Welle herangerauscht ist.

Trotzdem schaffen wir es irgendwie, jeden Tag zumindest eine warme Mahlzeit auf den Tisch zu bekommen, über die wir dann gierig herfallen – Seeluft macht hungrig. Eine unserer größten Freuden ist unser morgentliches Pfannenbrot. Auf Fuerteventura hat mir ein Kapitän vom Nachbarboot beigebracht, wie es geht, Brot zu backen auf dem Methanolkocher, ohne Ofen.

Jetzt merken wir, wie wertvoll das war. Jeden Morgen, wenn ich wach werde, blicken mich drei Augenpaare erwartungsvoll an: „Hast du gestern den Brotteig angesetzt?“. Ich gebe mein Bestes, die Erwartungen zu erfüllen, meist rühre ich den Teig in ruhigeren Minuten in meinen Nachtschichten an. Mittlerweile bin ich ganz geübt darin, es klappt trotz der Wellen eigentlich jede Nacht und schon nach wenigen Nächten begann ich, das Rezept hier und da ein wenig ab zu ändern, so dass das kostbare Brot jetzt schon ganz nach unserem Geschmack ist. Duftendes und frisches Mischbrot mit einer dicken Portion Rührei, eine Tasse Kaffee an Deck und der weite Blick über die See – so einfach kann es sein, sich voll und ganz zufrieden und glücklich zu fühlen.

Nur Cecilie, die 23jährige Norwegerin, hat wenige, solcher Momente. Die Arme ist fast die ganze Zeit seekrank. Vielleicht war es doch ein wenig zu mutig, diesen Trip ohne jegliche Segelerfahrung an zu treten. Es ist schon besser, zunächst einige Tagestrips bei schönem Segelwetter zu machen, dann vielleicht mal eine Nachtfahrt und dann irgendwann den ganz großen Schlag über den Ozean. Aber das Mädel ist sehr tapfer und macht so gut wie alle ihrer Wachschichten. Wir Männer rechnen ihr das hoch an, denn wir wissen, dass Seekrankheit sich einfach nur unzumutbar schrecklich anfühlen muss. Manchmal liefern wir ihr das wenige Essen, das sie verträgt, an ihre Koje, viel mehr können wir leider nicht für sie tun.

Phil und Kyle kümmern sich um das Genua-Paket
Phil und Kyle kümmern sich um das Genua-Paket

Momentan spielt die Musik eh woanders: Oben an Deck tobt der Atlantik, Käpt’n Phil, Kyle und ich kommen ordentlich ins Schwitzen. Trotzdem lachen wir viel bei der Arbeit und wir kommen voran: Beim Besansegel haben wir impovisiert und eine Lösung gefunden, wie wir es auch ohne Baum benutzen können. Nicht optimal, aber es funktioniert. Jetzt kämpfen wir mit dem Vorsegel. Wegen des kaputten Kugellagers können wir es nicht verkleinern, sollte der Wind weiter zunehmen, wäre es wirklich gefährlich, für uns und für die „Libertalia“. Kyle hängt wagemutig über Bord, nur die Sicherungsleine verhindert, dass er in den Ozean fällt. Der Plan ist, das Segel von Hand um das Vorstag zu einer dicken Wurst zusammen zu wickeln, doch der Wind hat eine unheimliche Kraft. Immer wieder reißt er unser Paket wieder auseinander und wir müssen von vorne anfangen.

Nach einigen Stunden gelingt es uns schließlich und wir klettern glücklich den Niedergang herunter. Unsere Arme sind schwer und wir spüren den Muskelkater schon kommen. Doch Käpt’n Phil schmunzelt schelmisch in die Runde und sagt: „Wir müssen schon ein bisschen verrückt sein, dass uns selbst so eine Aktion noch Spaß macht!“. Kyle und ich grinsen und geben ihm Recht. Unser Weg in Richtung Südwesten geht also weiter: Schon morgen sollten wir tropische Breiten erreichen, es wird täglich wärmer, schon in einigen Tagen werden wir auf den Kapverdischen Inseln am Strand liegen. Jetzt aber gibt es für alle erst einmal eine Tasse Tee.

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Timo Petershttps://www.bruderleichtfuss.com
Timo Peters ist der Gründer und Chefabenteurer bei bruderleichtfuss.com. Ich verbringe meine meiste Zeit auf Reisen und stehe auf Abenteuer aller Art. Ich bin gerne in der Natur unterwegs: Zu Land wandere ich mit meinem Zelt durch die Wildnis, zur See gerne auf Segelbooten. Außerdem habe ich eine Leidenschaft für Reisen per Anhalter. Hier findest du mehr Infos über mich und diesen Blog.

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5 comments

  1. Hi Bruder Leichtfuß,

    wieder ein enorm spannender Artikel, sehr schön geschrieben! Nur leider werden bei mir keine Bilder angezeigt 🙁

    Weiterhin gute Fahrt und immer ne Handbreit Wasser unter’m Kiel.

    Liebe Grüße,

    Erika
    ulligunde.com

  2. Hey Bruder Leichtfuß,

    jetzt bin ich endlich einmal dazu gekommen, all Deine Berichte zur Atlantiküberquerung zu lesen. Und ich kann nur sagen: WOW!
    Total genial und beneidenswert – vor allem angesichts unserer Wetterlage hier in Schland! 😀

    Bitte mehr solcher Stories und weiter so!!! Ich verfolg‘ deine Posts mit viiiiiel Interesse!

    Lieben Gruß,
    Corinna

  3. Hallo Timo,
    mit Begeisterung lese ich Deine Artikel in der OZ oder im Internet. Du lebst Deinen Traum und es gibt sicher viele die es Dir gleichtun möchten….ich gehöre auch dazu. Aber leider bin ein wenig zu alt für solche Abenteuer.
    Schreib weiter Deine tollen Artikel, vielleicht wird es ja mal ein dickes Buch. Ich bestelle hiermit schon mal ein Exemplar ;-).
    Übrigens bin ich Moordorfer, wohne allerdings in Walle und bin mit Deinen Eltern gut bekannt.
    Ich wünsche Dir weiterhin ein gute Reise und hoffe, dass Du all Deine Ziele erreichst.
    Schönen Gruß aus dem kalten Ostfriesland
    Ewald Lehmann
    Walle

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