Postsozialistisches Wifi in Bratislava

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Nachdem ich Adrian am Samstagabend und am Sonntag beim Umzug geholfen habe (schöne Wohnung, schöne Gegend), lieferte er mich am Sonntagabend in Bratislava ab. Damit habe ich nach Prag am Freitag und Wien am Samstag die dritte europäische Hauptstadt erreicht. Davon sind zwei neu für mich, außerdem war ich noch nie in der Slovakei. Also auch von dem Gesichtspunkt eine gute Bilanz bisher.
Ersten Anlass zur Überaschung bot schon die Adresse meines Couchsurfers: eine riesige Plattenbausiedlung am Rande Bratislavas. Addi bat mich scherzhaft, ihm Bescheid zu sagen, wenn ich in der Wohnung bin (was ich hiermit getan habe). Couchsurfer Filip holte mich am Treffpunkt ab und schon ging es durch ein unüberschaubares Wohnsilolabyrinth zu einem achtstöckigen Gebäude, was wohl einmal gelb angestrichen war. Hinter der Tür verbarg sich ein dunkler Empfangssaal mit grossen Sesseln und Sofas aus Lederimitat. Hinter einer Glasscheibe saß eine Zigarette rauchende, alte Dame vor einem dicken Buch, in das ich mich offiziell als Gast einzutragen hatte. Außerdem wollte sie 2,10 Euro von mir, dafür bekam ich Bettzeug und ein Handtuch in die Hand gedrückt und einen Schlüssel. Ich verstand erstmal überhaupt gar nichts mehr, die Empfangsdame sprach natürlich kein Wort Englisch und so klärte Filip alles mit ihr und ich ergab mich einfach dem postsozialistischen Lauf der Dinge.
In der Wohnung Nummer 8C im dritten Stock angekommen, erklärte mir Filip, was hier los war: In diesen alten Plattenbauten gab es zu sozialistischen Zeiten ganze Bereiche, die immer als Gästewohnugen für Diplomaten und Reisegruppen aus den sozialistischen Bruderländern frei gehalten wurde. Ja, und weil sich auch sonst wenig verändert hat in diesen Häusern, sind diese Gästewohnungen einfach auch da geblieben, auch wenn es keine offiziellen Besucher mehr gibt. Und so stehen sie jetzt den Gästen der Bewohner zur Verfügung, also in diesem Fall mir. In meiner Wohnung gibt es eine kleine Küche, ein Badezimmer, eine Toilette und drei Zimmern mit jeweils zwei Betten, einem Tisch, einem Stuhl und einem Schrank. Mit der kargen Möblierung aus den 80ern des letzten Jahrhunderts und den langen, weißen Gardienen wirkt das alles irgendwie wie aus der Zeit gefallen, ich schlief jedoch sehr gut. Vorher gings noch mit Filip in seine Wohnung, wo wir uns wirklich prächtig verstanden und bis spät abends dasaßen, Wein tranken und über Gott und die Welt quatschten. Wir waren beide wieder einmal richtig angetan davon, wie Couchsurfing immer wieder genau die richtigen Menschen zusammen bringt. Im Laufe des Abends entstanden zwei Notizzettel mit personalisierten Reiseführern mit Busverbindungen, Skizzen und Tipps, einer für die ganze Slovakei und einer für Bratislava.

Den nutzte ich dann gestern, als ich die eigentliche Stadt erkundete, wie so oft mit einem stundenlangen Spaziergang. Also die wichtigsten Sehenswürdigkeiten abklappern und dann immer so lange in die kleinsten Gassen abbiegen, bis man im Kreis gelaufen ist. Von den kleinen Gassen gibt es hier eine Menge, hier passen die mittelalterlichen, abbruchreifen Häuser wunderbar ins Bild. Andererseits ist Bratislava hier eindeutig im 21. Jahrhundert angekommen: überall gibt es in der Innenstadt Galerien mit moderner Kunst Bars mit jungen Leuten. Wifi gibt es quasi flächendeckend: öffentliche Plätze werden von der Stadt mit W-Lan versorgt, und selbst die schäbigste Kaschemme hat ihr eigenes Netz.

Ich würde mich gerne noch ein bisschen in der Slovakei umschauen, Bratislava gefällt mir und die kleinen Kapaten sind direkt hier um die Ecke, wunderschön zum Wandern, wie Filip sagt. Leider habe ich keine Zeit mehr für solche Ausflüge, es ist ein Jammer. Naja, aber die Donau habe ich hier gestern natürlich auch schon gesehen und den Wanderweg gefunden, den ich jetzt gleich nehmen werde. Wien ist das Ziel, vier bis fünf Tage nehme ich mir Zeit um den Nationalpark Donauauen einmal zu durchqueren.

Ich bin der Gründer und Chefabenteurer bei bruderleichtfuss.com. Ich verbring meine meiste Zeit auf Reisen und stehe auf Abenteuer aller Art. Ich bin gerne in der Natur unterwegs: Zu Land wandere ich mit meinem Zelt durch die Wildnis, zur See gerne auf Segelbooten. Außerdem habe ich eine Leidenschaft für Reisen per Anhalter. Hier findest du mehr Infos über mich und diesen Blog.

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